Stanislaw Ignacy Witkiewicz
(Warschau 1885–1939)
Stanislaw Ignacy Witkiewicz gehört als zentrale Figur der polnischen
Avantgarde zu den vielseitigsten und schöpferischsten europäischen
Künstlern des 20. Jahrhunderts. Das „génie multiple“ Witkiewicz
befasste sich mit so unterschiedlichen Bereichen wie Zeichnung,
Malerei, Theater, Literatur, Philosophie, Kunsttheorie und Photographie.
Witkiewicz beschritt in Malerei und Photographie eigene Wege und stand
den vorherrschenden Strömungen seiner Zeit ironisch distanziert und
reserviert gegenüber. Besondere Bedeutung innerhalb seines
photographischen Werkes – erste Aufnahmen machte er bereits mit 14
Jahren – kommt den Portraitserien von Freunden und Verwandten zu. Diese
„Seelenportraits“ halten auf sehr eindrucksvolle und manchmal auch
unheimliche Weise den „inneren“ Menschen im Photo fest. Die zum Teil
ungewöhnlich nahsichtigen Aufnahmen können durchaus als erste ihrer Art
in der Geschichte der Photographie gelten. Das photographische Werk von
Witkiewicz wurde im Zweiten Weltkrieg fast völlig vernichtet; erhalten
geblieben sind nur wenige Einzelbilder.
Biographie
1885
Am 24. Februar wird Stanislaw Ignacy Witkiewicz in Warschau geboren.
Der Vater ist der Kritiker, Maler und Schriftsteller Stanislaw
Witkiewicz (1851–1915), die Mutter die Musiklehrerin Maria Witkiewicz,
geb. Pietrzykieiwcz (1853–1931).
1890
Die Eltern ziehen nach Zakopane. Ihr Haus wird Treffpunkt für Künstler,
Schriftsteller und Gelehrte. Hier entwickeln sich Witkiewicz’
künstlerische Talente. Er erhält Privatunterricht.
1893
Die Lektüre Shakespeare, Meaterlincks und Gogols inspirierte erste dramatische Versuche.
1899
Seine ersten Photographien zeigen vor allem Verwandte und Freunde sowie Lokomotiven.
1900
Schließt enge Freundschaft mit Leon Chwistek und Bronislaw Malinowski.
1901
Witkiewicz stellt in Zakopane Landschaftsgemälde aus, photographiert in
Litauen Landschaften, besucht in St. Petersburg die Eremitage.
1903
Er legt in Lwów extern das Abiturexamen ab. Im Oktober beendet er eine
erste philosophische Streitschrift Träume eines Unproduktiven /
Metaphysische Erwägung.
1904
Italienreise über Wien und München, er sieht Böcklin-Gemälde, die seine Malerei beeinflussen.
1905
Italienreise mit dem Komponisten Karol Szymanowski, im Oktober beginnt
er an der Krakauer Akademie der Schönen Künste Malerei zu studieren.
1906
Unterbrechung des Studiums, er beschließt, eine eigene Theorie der Kunst zu entwickeln.
1907
Er besucht die Gauguin-Ausstellung in Wien und nimmt privaten Malunterricht.
1908–1909
Frankreich-Aufenthalt, der 24. Salon der Unabhängigen beeindruckt ihn
besonders. Er wendet sich von der Pleinairmalerei ab und der
Portraitmalerei zum beeinflusst von Symbolismus und Expressionismus. Er
stellt in Krakau aus, wo er im Herbst bei Józef Mehoffer sein Studium
fortsetzt. Er lernt die Schauspielerin Irena Solska kennen, mit der ihn
bis 1912 ein leidenschaftliches Verhältnis verbindet.
1908
Abbruch des Studiums und Rückkehr nach Zakopane, wo er den Roman Die
622 Stürze Bungs oder Die dämonische Frau (erschienen 1972) beginnt,
der stark autobiographische Züge hat.
1909
Reisen nach Frankreich sowie nach London zu dem Ethnologen Bronislaw Malinowski.
1912–1913
Im August 1912 stellt er Arbeiten im Warschauer Künstlerklub „Zacheta“
aus, 1913 Personalsausstellung in Krakau, Ende 1913 letzte Begegnung
mit dem Vater. In diesen Jahren photographiert er Portraits und
Selbstportraits, deren Intensität vor allem durch den radikal
reduzierten Ausschnitt entsteht.
1914
Die Verlobte Jadwiga Janczewska begeht Selbstmord. Witkiewicz nimmt auf
Einladung von Malinowski als Zeichner und Photograph an einer
ethnologischen Expedition nach Neu-Guinea teil. Eindrücke der Reise
gehen in spätere Werke ein, so spielen einige seiner Dramen in
Südostasien und Australien. Der Kontakt mit der Kultur „primitiver“
Völker bestärkt seine Überzeugung vom Untergang der abendländischen
Zivilisation, die Begegnung mit Ritualformen nutzt er für seine
Konzeption der Kunst, in der das Metaphysische zum wichtigsten Wert
wird. Zu Kriegsbeginn muß er als russischer Untertan Australien
verlassen. Er reist nach St. Petersburg und besucht die Offiziersschule.
1915
Witkiewicz wird Oberleutnant im Leibgarderegiment Pawlowski. Er kämpft
an der Front, wird bei Molodtschno verwundet und mit dem Orden der
Heiligen Anna ausgezeichnet.
1916
In Russland schafft Witkiewicz ein umfängliches malerisches Werk und
arbeitet intensiv an seinem philosophischen und ästhetischen System.
Die Kriegs- und Revolutionserlebnisse werden starke Bedeutung für sein
Schaffen, seine politischen und geschichtsphilosophischen Anschauungen
haben.
1917
Er kehrt nach Zakopane zurück und beendet seine theoretische Arbeit
Neue Formen der Malerei und die sich daraus ergebenden
Missverständnisse. Aufnahme in die Avantgardengruppe „Formisci“ (Die
Formisten).
1919–1924
Diese Jahre sind die fruchtbarste Periode seines künstlerischen
Wirkens. Er veröffentlicht weitere theoretische Arbeiten Ästhetische
Skizzen 1922, Theater 1923, und wird zum Theoretiker der
Formistengruppe. er schreibt ca. 30 Theaterstücke, die in den
Avantgardezeitschriften „Zwrotnica“ und „Skamander“ erscheinen, einige
davon werden aufgeführt. Er nimmt an Gruppenausstellungen in Kraków
(1919. 1921), Warszawa (1919, 1920), Lwów (1919) teil und hat 1924
Einzelausstellungen in Torun und Warszawa. Anonym gibt er das Blatt
„Papierek Lakmusowy“ (Lackmuspapier) heraus, das die reine
Schaumschlägerei propagiert, und die eigenen Anschauungen ironisiert.
1923 heiratet er Jadwiga Unruh. 1924 beginnt er kontrollierte
Drogenexperimente (u.a. Peyote, Meskalin) und künstlerische
Aufzeichnungen dabei erlebter Visionen.
1925–1930
1925–1926 erste Bühnenerfolge, auf Witkiewicz’ Initiative wird in
Zakopane 1925 das „Formistische Theater“ gegründet. 1927 erscheint der
Roman Abschied vom Herbst, 1930 der Roman Unersättlichkeit. Witkiewicz
publiziert Essays zur Literatur- und Theaterkritik. 1928 gründete er
die kommerzielle „S.I. Witkiewicz-Portrait-Firma“, die verschiedene
Portraitkategorien abhängig vom Preis anbietet.
1931–1938
Er widmet sich fast ausschließlich der Philosophie, veröffentlicht
Artikel, die seine philosophischen Grundsätze popularisieren und gegen
andere Konzeptionen (Russel, Carnap, „Wiener Kreis“) polemisieren. 1935
formuliert er in „Die Begriffe und Grundsätze, die vom Begriff der
Existenz impliziert werden“ endgültig seine philosophische Konzeption
(„biologische Monadologie“). 1936 Referent auf der Philosophischen
Tagung in Krakau.
Die künstlerische Arbeit tritt in den Hintergrund. 1931–1932 schreibt
er den ersten Teil des Romans Einziger Ausweg, 1932 publiziert er
Nikotin, Alkohol, Kokain, Peyote, Morhium, Äther über schädigende
Wirkungen dieser Drogen. 1935–1936 arbeitet er an der
gesellschaftskritischen Studie Ungewaschene Seelen. Serien inszenierter
Photographien entstehen, vor allem von Witkiewicz in verschiedenen
Rollen. 1937 gründet er gemeinsam mit K.L. Koninsky und J.W. Plomienski
das „Unabhängige Theater“ in Zakopane und übernimmt die künstlerische
Leitung.
1939
Bei Kriegsbeginn meldet sich Witkiewicz als Reserveoffizier zur Armee,
kann sein Regiment jedoch nicht erreichen. Am 18. September, dem Tag
des Einmarsches der roten Armee in Ostpolen, begeht er in Jeziory bei
Dabrowica Selbstmord.
(zitiert aus: Metaphysische Portrait, hrsg. von T.O. Immisch, Ulrich
Pohlmann, Klaus Göltz, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1997,
S.145ff.)
Literatur (Auswahl)
Against Nothingness. Stanislaw Ignacy Witkiewicz’s Photographs, Wydawnictwo Literackie, Kraków 1986
S. I. Witkiewicz. Photographs 1899–1939, hrsg. von Third Eye Centre, Glasgow 1989
Stanislaw Ignacy Witkiewicz. Life and Work, hrsg. von Anna Micinska, Interpress Publishers, Warsaw 1990
Witkacy. Methaphysische Portraits. Photographien 1910-1939 von
Stanislaw Ignacy Witkiewicz, hrsg. von T.O. Immisch, Klaus E. Göltz und
Ulrich Pohlmann, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1997