Tata Ronkholz
(1940 Krefeld-Uerdingen – 1997 Köln)
Geboren als Roswita Tölle, absolvierte die Photographin Tata Ronkholz
zunächst ein Praktikum als Schreinerin und studierte anschließend von
1961-65 Architektur und Innenarchitektur an der Werkschule in Krefeld.
Ab 1967 war sie als selbstständige Produktdesignerin tätig. 1977
schrieb sie sich als Schülerin bei Professor Bernd Becher in der Klasse
für Photographie in Düsseldorf ein. Im darauf folgenden Jahr entstanden
ihre ersten Industrietor- und Trinkhallen- photos. Auf eigene
Initiative hin erteilte ihr das Hafenamt Düsseldorf den Auftrag, die
vor dem Abriß stehenden Industriegebäude des Nordhafens photographisch
zu dokumentieren. Diese Photoserie entstand in Zusammenarbeit mit
Thomas Struth. 1985 beendete sie ihre photographische Tätigkeit.
"Kommste vonne Schicht: Trinkhallen als Tempel einer proletarischen
Hochkultur:
Die eigentümlichen Verkaufseinrichtungen, in denen Ruhrgebietsmenschen
und Rheinländer ihr Feierabendbier nicht bloß erwerben, sondern gleich
auch konsumieren können, heißen "Trinkhallen". Das klingt sakral,
trifft aber den Kern der Sache, denn diese Lokale – Zwischendinger
zwischen Kiosk und Kneipe – sind tatsächlich die Tempel einer
untergehenden Arbeiterkultur ... Die Trinkhallen, die Tata Ronkholz
Ende der siebziger Jahre fotografiert hat, haben ihre besseren Tage
erkennbar hinter sich. Ihre Fassaden erzählen von der Armut der
Nachkriegsjahre, und weil man damals in den deutschen Städten begann,
sich dieser Armut zu schämen, sind viele dieser Denkmäler einer
schlichten Alltagskultur inzwischen aus dem Straßenbild verschwunden.
So sind Ronkholz' lakonischen Scharzweißbilder selber zu Zeugnissen
geworden, auf denen sich die Typologie einer ausgemusterten
Zweckarchitektur studieren lässt. Da gibt es freistehende Pavillons mit
sorgsam gekachelten Wänden, Ladenlokale, die in zerschlissenen
Mehrfamilienhäusern untergebracht sind, und behelfsmäßig anmutende
Baracken mit Wellblechdächern. Daß die "Küpers Kölsch"-Trinkhalle von
Ulla Froitzheim - wie ein Schild verkündet - mit drei Sternen "für
guten Kundendienst" ausgezeichnet wurde, glaubt man gern, so akkurat,
wie in ihrem Schaufenster Dosen, Flaschen, Süßigkeiten aufgereiht sind.
Der "Tivoli Export"-Schnellimbiss von Leni Borgiel-Roosen hat sich
hingegen in einem besonders seltsamen Wirtsbau eingenistet: von den
darüberliegenden Geschossen des Eckhauses ließ der Bombenkrieg nur zwei
Balkone übrig. Ronkholz' Fotos beeindrucken durch ihren Detailreichtum,
es lohnt sich, nahe an sie heranzutreten. Die Tiefenschärfe der
Aufnahmen ist so brillant, dass man nicht bloß das Warenangebot in den
kleinen Auslagen, sondern auch die Schlagzeilen der Zeitungen auf den
Händlerschürzen genauestens studieren kann. "Carter am Rhein: Wir sind
Brüder", titelt der Kölner "Express", vom "Pop rocky"-Cover grinsen die
Bee Gees, eine Packung "West"-Zigaretten kostet 3,30 und ein "Heißes
Würstchen mit Brot" 1,50 Mark, auch der "Camel"-Mann rudert auf der
Suche nach Freiheit und Abenteuern noch über den Amazonas. Man kann auf
Ronkholz' Bildern wie durch ein Fenster, das sich einen Spalt breit
öffnet, in eine gerade erst vergangene Vergangenheit sehen. Der Blick
geht ins kleinbürgerliche Milieu der frühen Bundesrepulik, über den
Fotos scheint der schwere Geruch von "DAB"-Bier und "Reval"-Zigaretten
zu liegen. ..."
(entnommen aus: Der Tagesspiegel, 16.10.2001, S.27)